VIELFALTER-BLOG

Does the term „biodiversity“ undermine biodiversity conservation?

von Klement Tockner

I recently attended a media strategy workshop on biodiversity organised by the Netzwerk-Forum Biodiversitätsforschung, a network linking biodiversity research in Germany with society (http://www.biodiversity.de/). The key goal of the workshop was to openly discuss with media experts (i.e. journalists and reporters from leading newspapers, radio, and TV) on how to increase the public awareness on the global biodiversity crisis; which I see as grave as climate change or securing future food production. For me, the most important lesson from this workshop was that the term “biodiversity” (which in German sounds also very stiff) is too synthetic for being sufficiently recognized by the public as well as by politicians. Does it mean that the use of the wrong term (not from a scientific point-of-view) is jointly responsible for the public ignorance of the biodiversity crisis that we actually face? Do we need to coin a better term? It is obvious that the competition among topics that are considered as important for the media is strongly increasing. What is required are a very good story, an excellent title (I always admire the short titles in the Economist), as well as hard data and facts. It is clear that statements such as “the decrease of biodiversity is higher in freshwaters than in marine and terrestrial ecosystems” are too vague and thought outside the box too be successfully communicated. I am very curious to get your opinion on this topic.

Best wishes, Klement Tockner

Der Beitrag erschien in www.freshwaterbiodiversity.eu 

 

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Artenschutzdebatte auf Stammtischniveau

Wieso der Autor des Artikels „Millionen für Molche“ (Wirtschaftsteil der Frankfurter Sonntagszeitung vom 1. August 2010) irrt.

von Matthias Premke-Kraus

In dem Beitrag „Millionen für Molche“ in der Ausgabe Nr. 30 der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 1. August 2010 mokiert sich Winand von Petersdorff über den angeblich absurden Artenschutz. Die Zustimmung der Stammtische wird ihm gewiss sein. Es erscheint auf den ersten Blick in der Tat befremdlich, für den Schutz etwa einer Population oder gar der Einzelindividuen von Fledermäusen, Feldhamstern oder Mauereidechsen in Deutschland den Bau einer Straße, eines Gewerbegebietes oder einer Schienentrasse zu verzögern oder zu verteuern, weil erst kostspielige Ausgleichsmaßnahmen gebaut werden müssen.

Was der Autor aber verschweigt oder nicht weiß: Im Artenschutz geht es um so genannte Indikatorarten, die in der Regel für ein ganzes Arsenal von bedrohten Tier- und Pflanzenspezies stehen. Das hängt mit der Methodik der Erfassung und Bewertung von Lebensräumen zusammen und folgt einem gewissen Pragmatismus – der durchaus nicht immer im Sinne der Natur- und Artenschützer ist. Aber die Erfassung einer Art ist einfacher als die Inventarisierung aller vorkommenden Spezies.

Eigentlich müsste nämlich eine Komplett-Inventur auf Standorten erfolgen, die durch Überbauung verloren gehen. Die Reduktion auf Indikatorarten ist ein Eingeständnis des Naturschutzes und stellt sozusagen den kleinsten gemeinsamen Nenner dar, der mit einem vergleichbar geringen finanziellen Aufwand wissenschaftliche Aussagen zum Standort zulässt.

Tendenziös wird der Artikel dann, wenn es um die Millionen geht. Denn meistens ist es so, dass die Kosten für die Erfassung und Kompensationen gering sind im Verhältnis zu den tatsächlichen Baukosten.

Und dann gibt es noch Arten, für die wir besondere Verantwortung tragen, weil sie eben schwerpunktmäßig in Deutschland vorkommen: Dazu gehören beispielsweise das Bodensee-Vergissmeinnicht oder der Rotmilan, um nur zwei Beispiele zu nennen. Diese Arten definiert die europäische FFH-Richtlinie bzw. die EU-Vogelschutzrichtlinie, deren Rechtssprechung glücklicherweise in den letzten Jahren nach und nach in die nationale Gesetzgebung eingegangen ist.

Der Bau eines Gewerbegebietes kann daher zum Auslöschen einer Population führen und in Folge den Weltbestand dieser Art bedrohen. Denn Mitteleuropa und Deutschland beherbergen auch eine Vielzahl von Arten, die ihren Verbreitungsschwerpunkt bei uns haben. Wir sollten deswegen vor unserer eigenen Haustüre kehren und Verantwortung für diese (und andere) Arten tragen. Es wäre Heuchelei, wenn wir immer nur von anderen Nationen – insbesondere jenen, in denen sich hotspots der Biodiversität befinden – Schutzgebiete und Beiträge zum Artenschutz erwarteten. Denn wir sind noch weit von dem Ziel entfernt, den Artenverlust zu stoppen. Der Flächenverbrauch in Deutschland ist mit rund 90 Hektar pro Tag immer noch extrem hoch. In zehn Jahren entspricht dies der Fläche des Saarlandes und Berlin zusammen! Jeder zusätzliche Quadratmeter versiegelte Fläche verringert die Biodiversität.

Deswegen ist es durchaus sinnvoll, jedes Bauvorhaben heute auf seine möglichen Folgen für Natur und Mensch abzuklopfen. Gemessen an sonstigen Ausgaben des Staates sind Naturschutzkosten immer noch marginal. Herrn von Petershoff wird damit nicht geholfen sein, weil sein Weltbild dem hier erörterten diametral gegenübersteht. Gut, das eine wachsende Zahl von Unternehmern, Politikern und Bürgern im Lande erkannt hat, was es mit den Hamstern auf sich hat!

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Biologische Vielfalt und Ernährungsqualität

von Josef Zens

Biologische Vielfalt und Ernährungsqualität – so lautet der Titel des neuesten Forschungsreports des Senats der Bundesforschungsinstitute im Geschäftsbereich des Bundeslandwirtschaftsministeriums. In dem lesenswerten Heft finden sich zahlreiche Berichte aus der Forschung, zum Beispiel zur  chemischen Diversität bei Gewürzpflanzen oder zu  “Klima und Kabeljau: Fehlt dem Nachwuchs das richtige Futter?” Auch die Biodiversität des Geruchssinns oder die Herkunft unserer Hühner behandeln die Autoren.

Weitere Themen: 

Das ganze Heft gibt es hier zum Download, die Kapitel können aber auch einzeln als PDF heruntergeladen werden. Dazu oben auf die Links klicken und dann am Ende des kurzen Textes den Download-Button anklicken.

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Lokal ausgestorben? Nein, nur lange versteckt…

von Josef Zens

… hat sich der Langhaarnasenotter (Lutra sumatrana) in der Provinz Sabah auf Borneo. Deutsche und malaysische Wissenschaftler haben dort jetzt mit Hilfe einer automatischen Kamera das lokal ausgestorben geglaubte Tier  wiederentdeckt. Die stark bedrohte Otterart wurde in der Regenwald-Region zuletzt vor über 100 Jahren gesichtet.

Der Forschungsverbund Berlin berichtet in seiner jüngsten Pressemitteilung über den Fund im Regenwald von Deramakot, an dem Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin beteiligt waren. Demnach ist die letzte bestätigte Sichtung der Spezies in Sabah ein Museumsstück, das vor mehr als 100 Jahren gefangen wurde. Selbst auf der gesamten Insel Borneo liegt die letzte Aufzeichnung schon über 10 Jahre zurück. „1997 wurde ein Langhaarnasenotter in Brunei auf einer Straße tot aufgefunden, deshalb war es selbst für uns Wissenschaftler höchst ungewiss, ob diese Spezies überhaupt noch auf Borneo heimisch ist“, sagt IZW-Forscher Andreas Wilting.

Lesen Sie mehr in der Pressemitteilung, die auch Fotos enthält.

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Vortragsankündigung “Haie – vom Jäger zum Gejagten der Weltmeere”

Vortrag im Rahmen des Internationalen Jahres der Biologischen Vielfalt

in Kooperation zwischen dem Museum für Naturkunde und
dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung

Mittwoch, 7. Juli 2010, 19.00 Uhr

Prof. Dr. Boris Worm, Dalhousie University, Halifax, Kanada

Haie – vom Jäger zum Gejagten der Weltmeere

Haie spielen in den Weltmeeren eine wichtige ökologische Rolle. Die Überfischung dieser Artengruppe stellt ein ernsthaftes Problem dar und man arbeitet fieberhaft an Lösungsansätzen zu ihrem Schutz.

Der Meeresbiologe Boris Worm hat in den letzten Jahren internationales Aufsehen durch seine Abschätzung zum Rückgang der weltweiten Fischbestände erregt. 1969 in Frankfurt am Main geboren, studierte und promovierte er an der Universität Kiel im Fach Biologische Meereskunde, Zoologie und Meereschemie. Nach Abschluss seiner Dissertation im Jahr 2000 zum Thema „Der relative Einfluss von Konsumenten und Ressourcen auf Nahrungsnetze an Felsküsten” ging er zunächst im Rahmen eines Emmy Noether-Stipendiums der DFG an die Dalhousie University im kanadischen Halifax, wo er 2004 im Bereich Marine Conservation Biology habilitiert wurde. Im gleichen Jahr erhielt der Meereswissenschaftler für seine Analysen zur Überfischung und Artenvielfalt den Heinz-Maier-Leibnitz-Preis der DFG. 2007 wurde Worm mit dem Elisabeth-Mann-Borgese-Preis für Meeresforschung des Landes Schleswig-Holstein ausgezeichnet.

Der Eintritt ist frei – wir bitten um eine Anmeldung unter: evolution@mfn-berlin.de

Ort: Museum für Naturkunde, Invalidenstr. 43, 10115 Berlin

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Verhandlungen zu globaler Biodiversitätsplattform erfolgreich

von Wolfgang Cramer

Es gibt nun eine Vereinbarung zur Einrichtung einer “globalen Plattform für Biodiversität und Ökosystemfunktionen” (“Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services” – IPBES). Diese soll wissenschaftliche Sachstandsberichte zu politikrelevanten Aspekten der Biodiversität erstellen, ähnlich dem sogenannten “Weltklimarat” IPCC.

In Busan, Südkorea, sind am 11.6.2010 die fast zweijährigen Verhandlungen erfolgreich zu Ende gegangen. Bob Watson, einer der früheren Vorsitzenden des IPCC, der den Prozess massgeblich angetrieben hatte, betonte, wie wichtig es sei, dass sich IPBES nicht als Politikorgan sondern als Berater der Politik verstehe, und dass – wie beim IPCC – die Aussagen politikrelevant, nicht aber politik-definierend sein sollen. Anne Larigauderie, die Direktorin von DIVERSITAS International, begrüsste die Vereinbarung – sie bedauerte aber in einem Interview dass Fragen an IPBES nur von Regierungen formuliert werden dürften, nicht aus der Öffentlichkeit.

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Termin-Erinnerung

Am morgigen Donnerstag, 3. Juni, findet um 18.30 Uhr eine Akademievorlesung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (bbaw) statt. Thema sind “Unsicherheiten im globalen und regionalen Klimawandel”, es tragen vor:  Jost Heintzenberg vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung und Eberhard Schaller von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus. Beide sind Mitglied der interdisziplinären Arbeitsgruppe “Globaler Wandel – Regionale Entwicklung” an der bbaw.  Eintritt ist frei, Anmeldung nicht erforderlich.

Josef Zens
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Was Warane mit der Taxonomie-Krise zu tun haben

Von Josef Zens

Varanus rasmusseni heißt eine der drei neu entdeckten Waran-Arten auf den Philippinen. Mitarbeiter des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig (ZFMK), das im Untertitel Leibniz-Institut für terrestrische Biodiversität heißt, haben sie zusammen mit Kollegen erstmals beschrieben und nach dem dänischen Herpetologen Dr. Jens B. Rasmussen benannt. Vor seinem Tod arbeitete er am Zoologischen Museum in Kopenhagen. Dort fanden sich die bislang einzigen beiden Individuen der neuen Art als Sammlungsstücke im Magazin des Museums. Die Stelle des Taxonomen Rasmussen ist heute verwaist, und mit der Benennung des Warans setzen ihm die Autoren der Studie nicht nur ein Denkmal, sondern wollen nach eigenen Worten auf die globale Krise der taxonomischen Forschung aufmerksam machen.

Die drei neuen Philippinen-Warane wurden nach mehrjährigen Studien zahlreicher konservierter Belegexemplare der großen europäischen Naturkundemuseen, in Kombination mit Feldstudien vor Ort, identifiziert. In der Pressemitteilung des ZFMK heißt es dazu: Dies belegt einmal mehr die immense Bedeutung dieser Museumssammlungen als die Archive der Biodiversität auf der Erde. Leider werden die dafür nötigen Kuratorenstellen in Zeiten knapper öffentlicher Mittel oftmals nicht wiederbesetzt, wenn ein Wissenschaftler ausgeschieden ist, was sich auf die betroffenen Sammlungen und die zugehörigen Wissensgebiete desaströs auswirkt.

Professor Dr. Wolfgang Böhme, Vizedirektor des ZFMK und als Leiter der herpetologischen Sektion seit mehr als zwei Jahrzehnten mit der Erforschung der Warane befasst, fügt hinzu: „Es ist erstaunlich, dass diese größten noch lebenden Echsen der Welt so lange vernachlässigt wurden und der Wissenschaft immer wieder bislang unbekannte Arten begegnen. Es zeigt sich, dass auch bei großen Wirbeltieren noch lange nicht alle Arten unseres Planeten erfasst und benannt sind. Insgesamt gibt es viel zu wenige Experten auf der Welt, ihre Ausbildung an den Universitäten ist stark rückläufig, und das Wissen über die globale Artenvielfalt, das auch für die Existenz des Menschen essentiell ist, läuft Gefahr verloren zu gehen!“

Hier geht es zur Pressemitteilung mit Fotos (eine englische Version gibt es auch).

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Neuartige Ökosysteme und neuartige Lebensgemeinschaften im Zeitalter des Anthropozän

von Klement Tockner und Hans-Peter Grossart

Paul Crutzen hat den Begriff des „Anthropozän“ geprägt, welches das Zeitalter des Holozän mit Beginn der industriellen Revolution abgelöst hat. Seit dem letzten Jahrhundert hat der Mensch den Erdhaushalt massiv, global, vielfältig und langfristig verändert und wird ihn weiterhin verändern. Mit Ausnahme der eisbedeckten Oberflächen sind nahezu alle Ökosysteme, inklusive der Ozeane und Wüsten, bereits anthropogen geprägt. So wurden mehr als 50% der Landoberfläche in Agrarflächen umgewandelt. Zudem wird prognostiziert, dass bis zum Ende des 21. Jahrhunderts große Teile der Erdoberfläche neuartigen Klimatypen ausgesetzt sein werden. Zugleich werden heutige Klimatypen verschwinden.

Alle Ökosysteme lassen sich entlang eines anthropogenen Einflussgradienten anordnen, von primären Wildnislandschaften (die es in Europa praktisch nicht mehr gibt) bis hin zu künstlichen Systemen (z.B. versiegelte Flächen, eingedolte Gewässer). So sind in Deutschland knapp 70% aller Oberflächengewässer sehr stark verändert; ein guter ökologischer Zustand lässt sich auf absehbare Zeit nicht, und wenn – dann nur unter großem finanziellen Aufwand – wiederherstellen. Zudem sind viele Ökosysteme stark fragmentiert und bilden zugleich ein komplexes Mosaik aus unterschiedlich stark beeinflussten Lebensräumen. So münden naturnahe Bäche oft abrupt in kanalisierte Gerinne, Schottergruben grenzen an dynamische Auengewässer. Zusätzlich führt das Wechselspiel multipler Stressoren (z.B. veränderte Hydromorphologie, starke Oszillation der Wasserstände, veränderter Wasserchemismus, endokrine Stoffe und Pharmazeutika, Nanopartikel, Licht, Lärm) zur Beeinflussung und Ausprägung von Ökosystemen, die es in dieser Weise bislang in der Erdgeschichte noch nicht gegeben hat. Diese „domestizierten“ Ökosysteme beherbergen neuartige Lebensgemeinschaften, die in ihrer Zusammensetzung ohne historische Entsprechung und unabhängig voneinander entstanden sind. Das ergibt eine Vielzahl an bislang unbekannten Art- und Populationskonstellationen – mit weitgehend unbekannten ökologischen Konsequenzen.

Diese neuartigen Ökosysteme und Lebensgemeinschaften stellen für die Wissenschaft und das Ökosystemmanagement eine große zukünftige Herausforderung dar. Zentrale Fragen sind:
(i) Wie formen sich neue Lebensgemeinschaften, (ii) was sind die ökologischen und evolutiven Konsequenzen und (iii) welche Managementstrategien sind zur Stabilisierung der grundlegenden Ökosystemfunktionen erforderlich, die durch diese neuartigen Ökosysteme weiterhin ausgeführt werden sollen? Welche Erkenntnisse fehlen uns, um innovative Managementstrategien zu entwickeln und umzusetzen?

Nehmen wir die großen Flüsse Europas: Entnimmt man heute eine Probe aus dem Rhein oder der Donau, so sind die Lebensgemeinschaften weitgehend von nicht einheimischen Arten (Neozoen, Neophyten) geprägt. Wie entwickeln sich diese neuartigen Lebensgemeinschaften? Es überlagern sich unterschiedlich rasche Prozesse: die natürliche und langsame Ausbreitung und evolutive/adaptive Veränderung der Lebensgemeinschaften („Hintergrund-Turnover“), die rapide, anthropogen begünstigte Ausbreitung von Organismen durch die künstliche Vernetzung von Flusseinzugsgebieten (so kann man heute von der Rhône bis zur Wolga reisen, ohne jemals das Meer zu erreichen), sowie die ausgeprägten klimabedingten Verschiebungen innerhalb der Lebensgemeinschaften. Stimuliert diese Durchmischung/ Homogenisierung der Fauna und Flora die lokale Artbildung und wird das adaptive Potential der Lebensgemeinschaften dadurch erhöht?

Während Schutzmaßnahmen für naturnahe Ökosysteme und für ausgewählte stark gefährdete Arten noch immer hilfreich sein können, müssen die meisten Ökosysteme jedoch als ganze aktiv gemanagt/gesteuert oder sogar künstlich gestaltet werden. Dabei müssen wir uns zweifelsohne von der romantischen Vorstellung naturnaher Ökosysteme verabschieden – und der konservatorische Ansatz im Ökosystemmanagement greift dabei in den meisten Fällen zu kurz. So muss die gängige Einstufung von nicht einheimischen Arten als prinzipiell schädlich für das Ökosystem neu überdacht werden. Vermehrt müssen Ökosysteme so ausgestaltet und geschaffen werden, das sie mehrere, teils konkurrierende Serviceleistungen zur Verfügung stellen können (am Beispiel von Auenlandschaften: Hochwassersicherheit, Trinkwasser, Artenvielfalt, etc.). Es liegt an uns zu entscheiden, ob wir die Gestaltungskraft der modernen Technologie und des heutigen Wissens dazu einsetzen, weiterhin – und oft mit Öko-Labeln versehen – unsere Biodiversität zu gefährden, oder ob wir Wege finden, sie vernünftig und zukunftsweisend zu ihrer Förderung einzusetzen.

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“Biodiversität der Produktion”

von Wolfgang Cramer

Ein tiefer Graben verläuft zwischen der Welt vieler engagierter Naturschützer und denen, die biologische Vielfalt ganz pragmatisch vor allem deshalb schützen wollen, um das Überleben der Menschheit und ihre Versorgung mit „Ökosystemleistungen“ zu sichern. Die eine Seite verweist auf ethische Prinzipien, auf unsere Verpflichtung der Schöpfung gegenüber, und auch darauf, dass viele Tier- und Pflanzenarten gerade wegen ihrer Einzigartigkeit und Seltenheit geschützt werden sollten. Die anderen sind vor allem besorgt, dass beispielsweise Kulturpflanzen nur weiter entwickelt werden können wenn auch eine große Vielfalt ihrer natürlichen Verwandten in der Natur existiert. Oder dass der Verlust der Bienen viele Obstkulturen unmöglich machen könnte.

Die beiden Forscher Andrew Beattie und Paul Ehrlich haben jetzt in einem kurzen Leserbrief an die Zeitschrift Science exzellente Worte gefunden um die Brücke zwischen beiden Welten zu schlagen. Aus ihrer Sicht besteht die Brücke aus den vielen Millionen Arten der Mikroben und der wirbellosen Tiere, die vielleicht 95% der gesamten biologischen Vielfalt ausmachen. Es sei unwahrscheinlich, dass diese jemals die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen würden, wie es beispielsweise manche Amphibien oder Greifvögel täten. Dennoch seien es gerade sie, die – neben den wenigen Kulturpflanzen – Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei erst möglich machten, indem sie etwa die Bodenchemie erhalten oder die marine Nahrungskette funktionsfähig machten. Selbst das Überleben der „charismatischen“ Arten hänge vollständig von ihnen ab.

Dies ist eigentlich keine neue Entdeckung, aber es lohnt sich, sie in der Öffentlichkeit noch viel deutlicher zu machen als bisher. Ohne Bodenorganismen gibt es kein Brot, ohne marines Phytoplankton keinen Fisch. Beattie und Ehrlich schlagen dafür den Begriff „Biodiversität der Produktion“ (production biodiversity) vor. „Indem wir Mikroben und Wirbellose schützen, schützen wir auch die primäre Industrie, von der wir alle abhängen“, sagen sie.

Das Thema ist brandaktuell, denn es gibt immer mehr Stimmen, die uns glauben machen wollen, dass eine sichere Nahrungsmittelversorgung für die ganze Menschheit nur erreicht werden könne, wenn wir den Naturschutz einschränken – oder ihn wenigstens auf die bestehenden Schutzgebiete begrenzt halten. In Wahrheit aber deuten immer mehr Untersuchungen darauf hin, dass es gerade die Vielfalt in den intensiv genutzten Ökosystemen ist, die für ihr und unser eigenes Überleben entscheidend ist.

Wir werden dieses Thema hier in Zukunft mit Beispielen vertiefen – immerhin hat es jetzt einen griffigen Namen.

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