von Wolfgang Cramer
In der Presse ging es in den letzten Tagen wieder einmal um die alten Vorwürfe von Anfang 2010, der „Klimarat“ IPCC habe auf skandalöse Weise („Africagate“) die Dürrerisiken in Afrika übertrieben. Thematisiert wurde außerdem ein zuletzt vor Gericht ausgetragener Streit zwischen dem Klimawissenschaftler Stefan Rahmstorf (selbst IPCC-Autor) und einer Journalistin, die sich gegen Aussagen wehrte, die Rahmstorf bei den Wissenslogs von Spektrum über einen ihrer Artikel gemacht hatte. Worum geht es eigentlich wirklich? Da ich selbst an verschiedenen Stellen diese Vorgänge begleitet habe (Details am Ende dieses Artikels), und weil der Kern der Debatte auch den Fortbestand der Ökosysteme Afrikas trifft, melde ich mich hier mit meiner Einschätzung der Faktenlage zu Wort.
Der letzte (vierte) Sachstandsbericht des IPCC erschien im Jahr 2007, nach ausführlicher Prüfung durch viele Gutachter und auch die Regierungen aller Länder der Erde. In diesem Bericht, der in 3 Bänden mehrere Tausend Seiten umfasst, werden die Ergebnisse zahlloser wissenschaftlicher Untersuchungen zum Klimawandel und seinen Wirkungen ausgewertet. An einer Stelle hatte einer der IPCC-Autoren selbst (der Glaziologe Georg Kaser) einen signifikanten Fehler gefunden (ein Zahlendreher bei der Jahreszahl des erwarteten Abschmelzens von Gletschern im Himalaya) – dieser wird inzwischen auf der Webseite des IPCC richtiggestellt.
In der Folge wurde dann aber behauptet, es gäbe noch viele andere Fehler – bei den meisten ergab aber die unabhängige Prüfung, dass es sich um Missverständnisse handelte. In mehreren Fällen drängt sich auch der Eindruck auf, ein Fehler solle überhaupt erst herbeigeredet werden, indem Dinge gezielt aus dem Zusammenhang gerissen werden – bei einem Bericht dieser Größenordnung ein leicht zu erreichendes Ziel.
Für Afrika sind unter dem Schlagwort „Africagate“ insbesondere zwei Aussagen in Frage gestellt worden, um die es hier gehen soll. Erstens seien Angaben über die Risiken zukünftiger Trockenheit gemacht worden, für die, so heißt es, die wissenschaftliche Grundlage fehle. Zweitens seien die möglichen Folgen eben dieser Trockenheit für die afrikanische Landwirtschaft übertrieben dargestellt worden. Da mir insbesondere die zweite Behauptung perfide und für Afrikas Bauern möglicherweise fatal erschien, hatte ich es schon im vergangenen Jahr mit Mitarbeitern übernommen, die Aussagen des Berichtes von 2007 nochmals zu überprüfen. Da die Forschung ja weiter geht, haben wir außerdem eine Fortschreibung mit Blick auf die neueste Literatur gemacht. Unsere Prüfung ergab, dass der IPCC-Bericht an dieser Stelle keinen Fehler enthielt. Darüber hinaus zeigte die neuere Fachliteratur, dass die Risiken auch jetzt noch unverändert hoch eingeschätzt werden (siehe dazu auch den aktuellen Beitrag von Lars Fischer). Unser Ergebnis wurde unabhängig begutachtet und anschließend von einer angesehenen Fachzeitschrift, den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ aus den USA veröffentlicht.
Die erste Behauptung aber, dass die Zahlen über die zunehmende Trockenheit falsch seien, muss nun hier diskutiert werden. Vorweg ist zu sagen, dass die Behauptung selbst nicht neu ist und bereits im vergangenen Jahr im Rahmen einer sehr genauen Prüfung des Gesamtberichtes durch die niederländische Regierung widerlegt wurde. Trotzdem geistert sie immer wieder mal durch die Presse. U.a. war sie Gegenstand eines reißerischen Zeitungsartikels vom Februar 2010 im Kölner Stadtanzeiger und der Frankfurter Rundschau, der von letzterer im April 2010 zurückgezogen und aus gutem Grund korrigiert wurde.
Die in Frage stehende Aussage des Klimarates lautete unter der Überschrift „Afrika“: „Für das Jahr 2020 wird erwartet, dass zwischen 75 und 250 Millionen Menschen klimabedingt zunehmender Wasserknappheit ausgesetzt sein werden“. Um die Diskussion zu klären, soll hier nochmals gezeigt werden, auf welcher Grundlage der IPCC zu seiner Aussage kam.
2004 hatte der britische Professor Nigel Arnell, einer der international führenden Experten zum Thema Wasserhaushalt und Klimawandel, mit Kollegen eine groß angelegte Studie veröffentlicht, die versucht, die Anzahl der zukünftig möglicherweise von Wasserknappheit betroffenen Menschen weltweit abzuschätzen. Eine solche Untersuchung muss berücksichtigen, dass sich nicht nur das Klima ändert, sondern auch die Bevölkerungszahl, die in Afrika weiterhin stark zunimmt. Arnell und Kollegen hatten die erwarteten Veränderungen der Niederschläge in vierzehn unterschiedlichen Klimamodellszenarien benutzt, um mit einem hydrologischen Modell die Veränderungen im Abfluss der Flüsse und der Grundwasserbildung zu analysieren und dies regional mit der Bevölkerungsentwicklung zu kombinieren. Die Unsicherheitsmargen der Projektionen sind natürlich ebenfalls Teil der Analyse – hierdurch entstehen breite Spannen, die einfach offen die vorhandene Unsicherheit zum Ausdruck bringen. Alle diese Zahlen werden in Arnells leicht zugänglicher Publikation beschrieben und in etlichen Tabellen dokumentiert.
Die für den IPCC entscheidende Tabelle (Nr. 11) ist überschrieben mit „Anzahl Menschen mit zunehmender Wasserknappheit nach Regionen“. Dort ist Afrika in fünf Teilregionen aufgeteilt. Zählt man diese zusammen, erhält man die Spanne von 74 bis 239 Millionen, die im IPCC-Bericht gerundet als zwischen 75 und 250 Millionen Menschen angegeben ist. Der IPCC-Bericht hat also korrekt die Ergebnisse der Arnell-Studie wiedergegeben. Die niederländische Prüfung kam nach Diskussion mit dem Autor zu dem Schluss, dass das Ergebnis noch genauer hätte 90-220 Millionen lauten müssen, eine Abweichung die man angesichts der Unsicherheiten als geringfügig einschätzte.
In den beiden erwähnten Tageszeitungen aber (der Text ist weiter zugänglich) hatte eine Journalistin zum Thema dann geschrieben:
„Africagate“ heißt der jüngste Skandal um den 4. Sachstandsbericht des IPCC aus dem Jahr 2007; er betrifft die angebliche Nahrungsmittelknappheit in Afrika durch ausbleibende Niederschläge, und er hat noch ein ganz anders Kaliber. Denn hier ist Pachauri persönlich involviert. Und mit dem Chef des Klimarates wird nun sogar UN-Generalsekretär Ban Ki Moon mit in den Strudel hineingezogen. [...] Bis zum Jahre 2020, so wird auf Seite 50 prognostiziert, würden in Afrika voraussichtlich „zwischen 75 und 250 Millionen Menschen“ einer erhöhten Wasserknappheit infolge des Klimawandels ausgesetzt sein. Ebenfalls „bis 2020 könnten in einigen Ländern die Erträge aus der vom Regen bewässerten Landwirtschaft um bis zu 50 Prozent“ sinken. Es sei davon auszugehen, dass „die landwirtschaftliche Produktion, einschließlich des Zugangs zu Nahrung, in vielen afrikanischen Ländern stark gefährdet“ werde: „Dies würde die Sicherheit der Nahrungsmittelversorgung weiter nachteilig beeinflussen und das Problem der Unterernährung verschärfen.“ Eine wissenschaftlich tragfähige Basis für diese Behauptung bleibt der IPCC-Bericht schuldig. Der englische Internet-Blogger Richard North und die Tageszeitung Sunday Times brachten es gemeinsam ans Licht.
Diese Skandalvorwürfe hatte Rahmstorf später in seinem Blog kritisiert und zugespitzt formuliert, die Vorwürfe seien durch die Journalistin von Richard North und der Sunday Times „kritiklos abgeschrieben“ worden. Obwohl er dies Anfang Juli 2010 nach einer Abmahnung durch den Anwalt der Journalistin bereits umformuliert hatte (denn ein wörtliches Abschreiben oder Plagiat war gar nicht gemeint, sondern lediglich die mangelnde kritische Nachprüfung), klagte die Journalistin zwei Monate später auf Unterlassung. Die Klägerin bekam insofern Recht, als dass nun nicht mehr behauptet werden darf, sie habe bei den von ihr selbst genannten Quellen kritiklos abgeschrieben. Damit bleibt aber die Frage bestehen, aus welchem Grund sie denselben Fehler wie North begehen musste, statt sich entweder selbst mit dem Artikel von Arnell zu befassen oder einen der deutschsprachigen Experten um eine Stellungnahme zu bitten?
Erst recht befremdet aber nun, dass ein weiterer Journalist, in der Zeitschrift des eingetragenen Vereins “Wissenschafts-Pressekonferenz” (WPK Quarterly), die Angelegenheit ein weiteres Mal aufwärmen musste, wohl ebenfalls ohne einen Experten zum Thema zu befragen. Markus Lehmkuhl behauptet, es sei unklar, wo die IPCC-Zahlen „75 bis 250 Millionen“ herkämen. Weiter behauptet er, in der Arnell-Studie seien „zwischen minus 23 und plus 200 Millionen“ ausgewiesen, und Rahmstorf habe die Arnell-Studie offenbar nicht gründlich gelesen.
Ich selbst habe, um sicher zu gehen, nach meiner eigenen Analyse auch noch direkt bei Nigel Arnell nachgefragt: er bestätigte mir, dass Lehmkuhls Zahlen aus seiner Studie nicht ableitbar sind und wissenschaftlich eindeutig falsch sind. Hätte Lehmkuhl selbst bei ihm nachgefragt (wie er es Rahmstorf nahelegt und wie es ja auch die niederländische Regierung getan hatte), dann hätte auch er diese Antwort bekommen.
Zu kritisieren an diesem Vorgang sind nach meiner Einschätzung drei Aspekte. Erstens wurden hier längst widerlegte Aussagen erneut verbreitet – mit der Geste des Aufklärers, in der Sache selbst aber erstaunlich unkritisch. Zweitens scheint das Ziel nicht die sachliche Information des kollegialen Lesers, sondern wohl eher die Diskreditierung des Klimarates IPCC gewesen zu sein – oder auch nur, einen am IPCC beteiligten Wissenschaftler zu diffamieren? Und drittens scheint die alles andere überschattende Frage, nämlich ob unsere ungebremste Nutzung von fossilen Energiequellen die Lebensgrundlage afrikanischer Bauern in Frage stellen könnte, seltsam aus dem Blickfeld zu verschwinden.
In Großbritannien, wo die Autorin ja auch ihre Quelle verortet, musste ein ähnlich konstruierter Skandalvorwurf gegen den IPCC („Amazongate“) immerhin auf Entscheid der britischen Medienaufsicht zurückgezogen werden. Ursprung der falschen Vorwürfe waren auch hier der „Klimaskeptiker“-Blogger Richard North und der Sunday Times Journalist Richard Leake.
Wolfgang Cramer war an den Berichten des IPCC seit 1996 zentral beteiligt (derzeit koordinierender Leitautor eines Kapitels zu beobachteten Klimawirkungen) und bis Sommer 2011 Kollege von Stefan Rahmstorf am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Er ist derzeit Forschungsdirektor am Institut Méditerranéen d’Ecologie et de Paléoécologie des CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique) in Aix-en-Provence, Frankreich.