von Klement Tockner und Hans-Peter Grossart
Paul Crutzen hat den Begriff des „Anthropozän“ geprägt, welches das Zeitalter des Holozän mit Beginn der industriellen Revolution abgelöst hat. Seit dem letzten Jahrhundert hat der Mensch den Erdhaushalt massiv, global, vielfältig und langfristig verändert und wird ihn weiterhin verändern. Mit Ausnahme der eisbedeckten Oberflächen sind nahezu alle Ökosysteme, inklusive der Ozeane und Wüsten, bereits anthropogen geprägt. So wurden mehr als 50% der Landoberfläche in Agrarflächen umgewandelt. Zudem wird prognostiziert, dass bis zum Ende des 21. Jahrhunderts große Teile der Erdoberfläche neuartigen Klimatypen ausgesetzt sein werden. Zugleich werden heutige Klimatypen verschwinden.
Alle Ökosysteme lassen sich entlang eines anthropogenen Einflussgradienten anordnen, von primären Wildnislandschaften (die es in Europa praktisch nicht mehr gibt) bis hin zu künstlichen Systemen (z.B. versiegelte Flächen, eingedolte Gewässer). So sind in Deutschland knapp 70% aller Oberflächengewässer sehr stark verändert; ein guter ökologischer Zustand lässt sich auf absehbare Zeit nicht, und wenn – dann nur unter großem finanziellen Aufwand – wiederherstellen. Zudem sind viele Ökosysteme stark fragmentiert und bilden zugleich ein komplexes Mosaik aus unterschiedlich stark beeinflussten Lebensräumen. So münden naturnahe Bäche oft abrupt in kanalisierte Gerinne, Schottergruben grenzen an dynamische Auengewässer. Zusätzlich führt das Wechselspiel multipler Stressoren (z.B. veränderte Hydromorphologie, starke Oszillation der Wasserstände, veränderter Wasserchemismus, endokrine Stoffe und Pharmazeutika, Nanopartikel, Licht, Lärm) zur Beeinflussung und Ausprägung von Ökosystemen, die es in dieser Weise bislang in der Erdgeschichte noch nicht gegeben hat. Diese „domestizierten“ Ökosysteme beherbergen neuartige Lebensgemeinschaften, die in ihrer Zusammensetzung ohne historische Entsprechung und unabhängig voneinander entstanden sind. Das ergibt eine Vielzahl an bislang unbekannten Art- und Populationskonstellationen – mit weitgehend unbekannten ökologischen Konsequenzen.
Diese neuartigen Ökosysteme und Lebensgemeinschaften stellen für die Wissenschaft und das Ökosystemmanagement eine große zukünftige Herausforderung dar. Zentrale Fragen sind:
(i) Wie formen sich neue Lebensgemeinschaften, (ii) was sind die ökologischen und evolutiven Konsequenzen und (iii) welche Managementstrategien sind zur Stabilisierung der grundlegenden Ökosystemfunktionen erforderlich, die durch diese neuartigen Ökosysteme weiterhin ausgeführt werden sollen? Welche Erkenntnisse fehlen uns, um innovative Managementstrategien zu entwickeln und umzusetzen?
Nehmen wir die großen Flüsse Europas: Entnimmt man heute eine Probe aus dem Rhein oder der Donau, so sind die Lebensgemeinschaften weitgehend von nicht einheimischen Arten (Neozoen, Neophyten) geprägt. Wie entwickeln sich diese neuartigen Lebensgemeinschaften? Es überlagern sich unterschiedlich rasche Prozesse: die natürliche und langsame Ausbreitung und evolutive/adaptive Veränderung der Lebensgemeinschaften („Hintergrund-Turnover“), die rapide, anthropogen begünstigte Ausbreitung von Organismen durch die künstliche Vernetzung von Flusseinzugsgebieten (so kann man heute von der Rhône bis zur Wolga reisen, ohne jemals das Meer zu erreichen), sowie die ausgeprägten klimabedingten Verschiebungen innerhalb der Lebensgemeinschaften. Stimuliert diese Durchmischung/ Homogenisierung der Fauna und Flora die lokale Artbildung und wird das adaptive Potential der Lebensgemeinschaften dadurch erhöht?
Während Schutzmaßnahmen für naturnahe Ökosysteme und für ausgewählte stark gefährdete Arten noch immer hilfreich sein können, müssen die meisten Ökosysteme jedoch als ganze aktiv gemanagt/gesteuert oder sogar künstlich gestaltet werden. Dabei müssen wir uns zweifelsohne von der romantischen Vorstellung naturnaher Ökosysteme verabschieden – und der konservatorische Ansatz im Ökosystemmanagement greift dabei in den meisten Fällen zu kurz. So muss die gängige Einstufung von nicht einheimischen Arten als prinzipiell schädlich für das Ökosystem neu überdacht werden. Vermehrt müssen Ökosysteme so ausgestaltet und geschaffen werden, das sie mehrere, teils konkurrierende Serviceleistungen zur Verfügung stellen können (am Beispiel von Auenlandschaften: Hochwassersicherheit, Trinkwasser, Artenvielfalt, etc.). Es liegt an uns zu entscheiden, ob wir die Gestaltungskraft der modernen Technologie und des heutigen Wissens dazu einsetzen, weiterhin – und oft mit Öko-Labeln versehen – unsere Biodiversität zu gefährden, oder ob wir Wege finden, sie vernünftig und zukunftsweisend zu ihrer Förderung einzusetzen.